Über ein halbes Jahr lang haben sich 8 Berliner Jugendliche für »We for Future« getroffen und intensiv zum Klimawandel recherchiert: Sie haben mit Expert*innen geforscht, diskutiert und experimentiert, Material gesammelt und nach Antworten gesucht. Und sie hatten eine Botschaft im Gepäck: Wenn wir so weitermachen wie bisher, wird die Erde unbewohnbar sein. Wir brauchen Bewegung und Veränderung und keinen Stillstand.
Und dann war er da, der Stillstand. Die Veränderung. Corona kam und blieb. War jetzt alles umsonst? Oder ist das ein Neuanfang?Die Jugendlichen haben die Herausforderung angenommen, ihren Bühnenraum ins Netz verfrachtet und das Experiment Digital-Premiere gewagt – mit vollem Erfolg, wie eine Rezension zeigt, die uns nun per E-Mail erreicht hat und die wir euch nicht vorenthalten wollen. 

Emerson hat Recht

Mit dem Video-Event „We For Future” gelingt dem Theater an der Parkaue eindrucksvoll die Quadratur des Kreises.

Zugegeben, ich bin kein Theaterkritiker. Ich bin noch nicht einmal Journalist. Warum ich mir dennoch herausnehme, eine Kritik zu dem Video-Event „We For Future“ des Theaters an der Parkaue zu schreiben? Weil es eine verdient. Und wenn das geplante Theaterstück „We For Future“ schon notgedrungen wegen Is-nich ausfallen musste, dann steht auch zu befürchten, dass kein Theaterkritiker auf das gleichnamige Video-Event aufmerksam wird, das das Theater an Stelle des Bühnenstücks mit acht beeindruckenden Jugendlichen produzierte. Das wiederum würde der Bedeutung des Events nicht gerecht und wäre zudem einfach schade.

Mit dem etwas über eine halbe Stunde währenden Event wagt sich das Theater an der Parkaue mutig gleich an zwei der schwierigsten Themen der Menschheit. Den Klimawandel einerseits, die Covit 19- Pandemie andererseits. Das eine ist noch bedrohlicher als das andere, das andere ist noch dringlicher als das eine. Inhaltlich nimmt sich das Event dem Thema Klimawandel an, in seinem Format dem Thema Pandemie. Beides – und das ist schon ein Stück weit eine Überraschung – ist dem Theater an der Parkaue formidabel gelungen. Und definiert dabei das Theater so ganz nebenbei neu.

Wie führt man ein Theaterstück auf, dass nicht aufgeführt wird? Man könnte zum einen schlicht eine Vorstellung von der Bühne abfilmen. Oder man könnte zum anderen aus dem Stoff einen Dokumentar- oder Spielfilm machen. Beide Wege haben Regisseurin Joanna Praml und die acht jugendlichen Schauspielerinnen Lara Bendler, Jule Cichon, Luzie Priegann, Djetou Sinka, Lila Steinmann, Lilja Veigel, Noa Seba und Willem Vorbau nicht gewählt. Zu Recht. Denn das eine wäre nur eine billige Kopie, die das Erlebnis am Ende doch nicht vermitteln kann. Das andere wäre ein Film. Und der ist eben nicht Theater.

Die Jugendlichen aber mithilfe von Webcams in acht Bildausschnitten wie bei einer TEAMS- oder ZOOM-Online-Besprechung auftreten zu lassen – und hier sei bewusst das Wort „auftreten“ statt „aufnehmen“ gewählt – ist eine originelle und mutige Idee, die tatsächlich vollständig aufgeht. Mutig, weil ich mir die Herausforderungen an die Schauspielerinnen und Schauspieler nicht vorzustellen vermag, allein vor ihren Webcams sitzend so zu spielen, als befänden sich alle anderen sieben im Raum. Diese Anforderung können allenfalls wohl Synchronsprecherinnen und Synchronsprecher nachvollziehen. Nicht minder dürfte die Herausforderung an die Regisseurin und die technische Produktion sein. Originell ist die Idee, weil sie für das Publikum tatsächlich die Illusion erzeugt, die Protagonistinnen und Protagonisten interagierten miteinander. Das gelingt nicht nur in den Dialogen selbst, sondern beispielsweise auch, wenn Jule Djetou Schautafeln anreicht oder Lara Willem wachrüttelt.

Ebenso wie viele Unternehmen in diesen Zeiten des Is-nich feststellen, dass sie auch funktionieren, wenn die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Heimbüro, Verzeihung, Home-Office arbeiten, so erfindet Regisseurin Joanna Praml mit den Jugendlichen mal eben so das Theater neu. Selbstredend ist dieses Format nicht dasselbe wie eine Aufführung auf der Bühne. Aber das muss es auch gar nicht. Denn es beweist eindrucksvoll, dass es mehr ist, als nur ein Ersatz. Es ist etwas anderes. Und ist dabei auch – und ich wage zu sagen, um nichts weniger – Theater.

Auch inhaltlich im Umgang mit dem Thema Klimawandel überzeugt das Event. Und das ist keine Kleinigkeit. Warum eigentlich? Die Fakten, jedenfalls die grundsätzlichen, sind sicherlich mittlerweile Allgemeinwissen. Eben aus diesem Grund ist es keine Kleinigkeit. Wie interessiert man für ein Thema, dass das Publikum bereits kennt? Wie wirbt man um Verständnis, wenn alle in dem Publikum sich bereits entschieden haben, wie sie damit umgehen; sei es, dass sie etwas tun, sei es, dass sie den Klimawandel ignorieren? Zusammengefasst: Man macht das genau so, wie die Protagonistinnen und Protagonisten des Events es tun. Dem gerade bei diesem Thema großen Risiko, mit Informieren, Mahnen und Appellieren zugleich besserwisserisch oder gar überheblich zu werden, fallen die Jugendlichen nicht anheim. Stattdessen lassen sie die Fakten zum Klimawandel einfach für sich sprechen. Das macht die Fakten glaubhaft und die Protagonistinnen und Protagonisten glaubwürdig. Ihres Hinweises, dass sie die Fakten recherchiert haben, bedarf es daher eigentlich gar nicht. Die Expertinnen und Experten zum Klimaschutz im Abspann im Rahmen einer Danksagung aufzuführen, untermauert im Übrigen nicht nur die richtige Einstellung der Jugendlichen, sondern auch ihre Professionalität. Diese ist übrigens auch nicht weit von der einer vollberuflichen Wissenschaftlerin bzw. Wissenschaftlers entfernt. Eine solche bzw. ein solcher hätte nämlich auch bei Institutionen recherchiert, die dem Thema kritischer, ablehnend oder vielleicht sogar gegnerisch gegenüberstehen, wie z.B. manche Institution aus der Wirtschaft.

Obwohl eben das unterblieben ist, tragen die Protagonistinnen und Protagonisten das Thema Klimawandel dennoch ausgeglichen vor. Und das ist eben nicht nur professionell, sondern schlicht erfrischend. Sie nehmen nicht für sich in Anspruch, die einzige Wahrheit oder gar Lösung zu besitzen. Denn sie tragen keine vor. Sie klagen nicht an, denn auch sie sind Nutznießer dieser Gesellschaft mit seinem Wirtschaftssystem. Indem die Jugendlichen zugeben, auch schon mal an einer Kreuzfahrt teilgenommen zu haben, nach New York geflogen zu sein oder gern Nutella zu essen, zeigen sie eindrucksvoll die Zwickmühle auf, in der wir alle sitzen. Denn wir alle betreiben zwar Raubbau am Klima, schaffen dadurch aber für jede und jeden Einzelnen von uns einen hohen Lebensstandard. Wenn Lilja Noa darauf aufmerksam macht, dass Palmöl, dessen Plantagen den Regenwald bedrohen, sich in Waschmitteln und Duschgel befindet und Noa daraufhin nicht mehr waschen und duschen will, wenn Luzie einerseits weiter ihre Hausaufgaben zu machen beabsichtigt und andererseits darüber nachdenkt, ob sie überhaupt Kinder haben möchte, wenn Lila einerseits ein Waldbad entspannt, aber die sie attackierenden Ameisen erschlägt, wird eben dieser Zwiespalt unserer Gesellschaft brillant vor Augen geführt. (Nebenbei bemerkt: Wieso misst man Flächen im Zusammenhang mit Katastrophen eigentlich immer in der Einheit Fußballfeld?) Auch das Stück selbst setzt sich in Widerspruch und bleibt damit glaubwürdig, indem es die Bedrohung von Plastik darstellt, selbst aber einen Eisbären aus Plastik einsetzt.

Andere Fakten, die die Protagonistinnen und Protagonisten vorstellen, untermauern die Zwickmühle unterschwelliger. Die erwähnte Marke Lamborghini beispielsweise stellt nicht nur Sportwagen her, sondern auch für die Landwirtschaft unerlässliche Traktoren, die uns alle ernährt. Flugzeuge befördern nicht nur Touristen, sondern auch lebenswichtige Hilfsgüter. Welche Stadt wüsste das nicht besser als Berlin, dessen Bevölkerung 1948 – 1949 über ein Jahr lang durch eine Luftbrücke am Leben erhalten wurde. Und schließlich prangt ein Flugzeug auf dem Emblem des Theaters an der Parkaue. So ist es folgerichtig, dass die Jugendlichen mit dem Publikum reden wollen.

Und schließlich beleuchtet „We For Future“ auch den letzten wichtigen Aspekt dieses Themas: Hoffnung. Auch wenn Lara eingangs erwähnt, dass es keine gäbe, kommen die Jugendlichen am Ende doch zu einem anderen Schluss. Und das ist ebenso konsequent wie richtig. Denn wer keine Hoffnung hat, hat auch keinen Anlass, etwas zu verändern.

Wird mich „We For Future“ dazu bringen, meinen Lebensstil klimagerechter zu gestalten? Ich weiß es (noch) nicht. Hat es mich dazu veranlasst, künftig mehr über den Klimawandel nachzudenken? Ja. Und damit hat das Stück schon eine Menge erreicht. Denn wie John F. Kennedy so richtig sagte: Den Status Quo zu verändern, heißt im ersten Schritt, ihn anzuerkennen.

Und auch wenn ich keinerlei Qualifikation als Theaterkritiker habe, so habe ich dennoch eine Meinung zu „We For Future“: Was Lara Bendler, Jule Cichon, Luzie Priegann, Djetou Sinka, Lila Steinmann, Lilja Veigel, Noa Seba und Willem Vorbau um die Regisseurin Joanna Praml geschaffen haben, ist ein Meisterwerk. Und auch wenn ich mich frage, wie wohl das Bühnenstück gewesen wäre, so habe ich mit dessen Event-Version nicht nur „We For Future“ gesehen, sondern auch the future; jedenfalls eine mögliche Zukunft des Theaters, die Is-nich sogar überdauern könnte.

Zwar belegt der Ausfall des Bühnenstücks das Sprichwort „Eine Wolke kann die ganze Sonne verdunkeln.“ Das Event „We For Future“ zeigt aber eindrucksvoll, dasjenige, was der Philosoph Ralph Waldo Emerson sagte: „Nur wenn es dunkel ist, kann man die Sterne sehen.“

Was ich gesehen habe, hat mich aus all diesen Gründen sehr berührt. Daher ende ich mit dem Schlusswort des Events: „Danke!“

Hans-Hinrich von Cölln, 28.06.2020

Auch wir möchten »Danke« sagen: für diese tolle Rezension, aber auch für das ganze Team von »We for Future«. 

Und wenn ihr euch selbst überzeugen wollte, dann könnt ihr euch hier den Stream ansehen.

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