Warum geht bei mir alles schief?

Der ein oder andere Fußballfan kennt vielleicht das Zitat des Weltmeisters Andreas Brehme: „Haste Sch… am Fuß, haste Sch… am Fuß.“ Spätestens nach meinem zweiten Leitungsdienst konnte ich diesen Gedanken nicht mehr aus meinem Kopf kriegen. Aber Moment: Was ist überhaupt ein Leitungsdienst? An jeder Vorstellung sind viele Menschen beteiligt um für das Gelingen sorgen, die man vielleicht überhaupt nicht sieht. Der Leitungsdienst trägt für die Vorstellung sowas wie den »Verantwortungshut«. Er*Sie prüft (und sorgt dafür), dass alle, die da sein müssen, pünktlich da und fit sind. Er*Sie ist Schnittstelle zwischen Einlasscrew und Inspizienz und prüft zum Beispiel ob für Gäste mit Rollstühlen Sitze ausgebaut sind. Und er*sie ist im Notfall derjenige, der mit dem Publikum spricht, mit Rettungsdiensten oder Feuerwehr kommuniziert und den Überblick behält. Eine ganz schöne Verantwortung also – aber Gott sei Dank ist so ein Theater ja auch ein bisschen wie ein Uhrwerk, jeder weiß, was er tut und so ist ein Leitungsdienst in der Regel ziemlich ereignislos.

Das war zumindest der Eindruck, den ich nach meinen »Trainings-Mit-Läufen« bei einem Leitungsdienst bekam: viel kommunizieren und dann wird alles gut und die Vorstellung kann pünktlich beginnen. Dann kam der Tag meines ersten Leitungsdiensts und so begann, was mir schon fast einen Ruf am Haus verschafft hat.
Gerade im Gespräch mit der Einlasscrew, rief mich der Inspizient an: Eine Schauspielerin hatte noch in der Maske sitzend eine schlimme Nachricht erhalten und war nun in Tränen aufgelöst. So aufgewühlt konnte man sie doch nicht auf die Bühne schicken? Es wird mit allen gesprochen und die Schauspielerin entscheidet: Sie will es versuchen. Klar ist auch: Kann sie nicht, dann wird abgebrochen. Der stellvertretende Intendant bleibt lieberweise während der Abendvorstellung da, um zur Not die Ansage ans Publikum zu übernehmen – es ist schließlich mein erster Dienst. Aber die Vorstellung läuft ohne weitere Probleme durch. Hut ab an die Schauspielerin.
Neuer Versuch, neues Glück: Mein zweiter Leitungsdienst ist am Wochenende, andere Bühne, anderes Stück. Und die Inspizienz stellt fest: Das Licht geht nicht! Ein Pult will nicht so wie wir wollen und es ist im Raum entweder ganz hell oder komplett dunkel. Pulte werden ausgetauscht, Kabel neu gesteckt – aber es nützt nichts. Ausgerechnet heute soll nach der Vorstellung die – verspätetete – Premierenfeier stattfinden. Was tun? Keinem der Anwesenden ist das so schon mal passiert. Die leitende Dramaturgin ist zur Stelle und entscheidet: Wir spielen im Hellen und erklären es dem Publikum, wer nicht bleiben möchte, muss natürlich nicht. Eine wunderbar ehrliche, aber gar nicht abschreckende Rede später sitzt das ganze (!) Publikum im hellen Raum und es geht los. Kurz danach ist dann die Technik doch gnädig und das Pult und damit auch das Licht spielt wieder mit. Puhhh!


Der dritte Leitungsdienst kommt und schon fragen Kolleg*innen »Und, was hast du dir dieses Mal ausgedacht?« Aber tatsächlich, kaum zu glauben: Nichts passiert! Und auch danach lassen nur Kleinigkeiten mich kurz erschrecken: ein Techniker, der abhandengekommen scheint, aber wiederauftaucht oder ein Schauspieler, der in der Bahn steckt, aber es gerade noch schafft. Ich wähne mich schon in Sicherheit – doch zu früh gefreut.


Während der Vorstellung klingelt mein Handy, ich soll schnell zur Seitenbühne kommen. Was ist passiert? Eine Schauspielerin hat mit so viel Leidenschaft gespielt, dass der Fall auf den Boden etwas zu echt gerät und nun eine (man kann es nicht anders sagen) beeindruckende Beule ihre Schläfe schmückt. Eine Freundin, die im Publikum saß, berichtet später: »Ich habe die Beule gesehen und noch gedacht »Wow, tolle Maskenabteilung!««. Während der Kopf gekühlt wird, reden wir mit der Schauspielerin: es scheint »nur« die Beule zu sein, sonst geht es ihr gut, sie spielt mutig zu Ende – unter der strengen Beobachtung von mir und dem Intendanten. Aber sicher ist sicher und so geht‘s danach zu zweit direkt ins Krankenhaus, wo zum Glück aber nichts Schlimmes festgestellt werden kann.
Meinen Ruf hat das gefestigt und so heißt es jetzt, wenn mein Leitungsdienst auf dem Plan steht:»Und, was geht heute schief?«

Der Verfasser dieses Textes anonymisiert sich selbst, damit er trotzdem weiter Leitungsdienst machen darf.


Er entschuldigt sich außerdem für diesen langen Text – aber vielleicht befindet der*die Leser*in sich ja gerade auf einer langen Bahnfahrt und freut sich. Für jede*r, die*der es bis hierhin geschafft hat, gibt es zur Belohnung noch ein Katzenvideo. 

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